Investments in Kryptowährungen locken: hohe Renditen und schnelles Geld. Bitcoin und Co. scheinen dauernd zu neuen Rekordwerten aufzusteigen. Dabei verspricht eine sauber erarbeitete Anlagestrategie für die meisten Anlegerinnen und Anleger auf die Dauer viel mehr Erfolg.

Oftmals kommen die Anfragen zu den Kryptowährungen von Personen, die vorher noch nie eine Aktie oder einen Fonds besessen haben. Die Verlockung ist demnach sehr gross, Anlegen mit Spekulieren zu verwechseln. Doch für die meisten wäre das Wertpapiersparen, also das regelmässige Investieren in Aktien, Obligationen und Co., der bessere Weg, meint Karel E. Ehmann, Leiter Investment Center, im Interview. Und dazu braucht es eine auf die individuellen Verhältnisse angepasste Anlagestrategie.

Herr Ehmann, was genau ist eine Anlagestrategie?

Die Strategie ist das Wichtigste beim Anlegen. Sie legt fest, wie viele Prozente Ihres Anlagebetrags Sie in Aktien, Obligationen oder etwa alternative Anlagen wie Immobilien, Edelmetalle und so weiter anlegen. Dabei wird berücksichtigt, welches finanzielle Ziel Sie vor Augen haben und wie viel Risiko Sie eingehen können und möchten. So kann dann zum Beispiel eine eher konservative Strategie mit einem kleinen Aktienanteil von rund 20 Prozent definiert werden oder eine wachstumsorientierte Strategie mit über 70 Prozent Aktien – oder etwas dazwischen.

Warum ist eine Anlagestrategie für Anlegerinnen und Anleger so wichtig?

Es ist historisch gut belegt, dass rund 80 Prozent der Performance von der Strategie abhängen. Es lohnt sich also, den Fokus darauf zu legen, wie die persönliche Situation jedes Anlegers und jeder Anlegerin aussieht: Wie sehen die finanziellen Verhältnisse aus? Wie die Lebensumstände? Welche finanziellen und persönlichen Ziele hat der Anleger oder die Anlegerin? Daraus lässt sich dann die passende Strategie ableiten. Das bringt langfristig mehr Erfolg, als über das Timing nachzudenken und sich die Frage nach dem richtigen Einstiegs-Zeitpunkt zu stellen oder tagelang einzelne Aktien zu analysieren.

 

Wer spekulieren will und sein ganzes Geld in Kryptowährungen oder eine Einzelaktie investieren möchte, hat natürlich eine ganz andere Ausgangslage. Durchschnittlichen Privatanlegern, die auf ein Sparziel hinarbeiten, empfehlen wir natürlich was anderes: früh anzufangen, auch mit kleinen Beträgen, das eigene Geld langfristig arbeiten zu lassen und sich breit aufzustellen. Deshalb ist ein diversifiziertes Portfolio, mit dem man auch das Risiko entsprechend streuen und über die Aktienquote steuern kann, besonders wichtig.

Wie beeinflussen die Bewegungen auf den Märkten die Anlagestrategie?

Die Anlagestrategie sollte Ihr Kompass oder der Anker für Ihr Anlageverhalten sein. An Ihre Strategie sollten Sie sich erinnern, besonders in schwierigen oder euphorischen Zeiten an den Märkten, wenn Gier oder Panik herrscht. Sollten die Kurse in kurzer Zeit beispielsweise um 20 oder 25 Prozent fallen, wie wir es im März 2020 gesehen haben, beeinflusst das natürlich Ihr Portfolio. Haben Sie zum Beispiel eine langfristige Aktienquote von 50 Prozent definiert, ist diese nach dem Kurseinbruch faktisch viel tiefer, weil Ihre Aktien an Wert verloren haben. In dem Moment sollten Sie sich an Ihre strategische Quote erinnern, also an die Aktienquote, die Sie in Ihrer Strategie definiert haben. Das würde bedeuten, dass Sie Ihr Aktieninvestment wieder auf 50 Prozent erhöhen. Bei einer guten Strategiedefinition verfügen Sie über genügend Reserven bzw. Liquidität, um zukaufen zu können. Das nennt man ein Rebalancing des Portfolios. Gleiches gilt auch für Phasen, in denen Euphorie vorherrscht und die Kurse stark angestiegen sind. Plötzlich haben Sie vielleicht einen Aktienanteil von 60 Prozent und auch dann sollten Sie sich an Ihren Kompass erinnern – die Strategie – und die Positionen zurückstutzen.

Ein Risiko eingehen zu können, heisst nicht, ein Risiko eingehen zu müssen

Wie komme ich als Anlegerin oder Anleger zu meiner persönlichen Anlagestrategie?

Ihre Strategie legen Sie am besten gemeinsam mit Ihrer Beraterin oder Ihrem Berater fest. Besonders wichtig dabei: ihr Anlagehorizont – also der Zeitraum, in dem Sie auf das angelegte Geld verzichten können, beziehungsweise das Geld für Sie arbeiten kann. Wollen Sie in zwei Jahren mit dem angelegten Geld ein neues Auto kaufen? Dann machen Wertpapierinvestitionen keinen Sinn. Das Risiko, von negativen Wertschwankungen im dümmsten Moment getroffen zu werden, ist zu gross. Sie möchten in 15 Jahren ein Eigenheim bauen? Dann können Sie langfristig anlegen und mehr Risiko eingehen. Bei einem Anlagehorizont von mehr als acht Jahren könnten Sie sich also auch für eine Aktienquote von gut 50 Prozent entscheiden. Und wenn Sie in jungen Jahren mit dem Anlegen beginnen und bereits Richtung Ziel Pensionierung schielen, also zum Beispiel in die Säule 3a einzahlen, können Sie zumindest einen Teil davon in reine Aktienfonds investieren.

 

Natürlich spielt die objektive Risikofähigkeit eine entscheidende Rolle, also wie viel Risiko Sie wirtschaftlich eingehen können: Denn das Dümmste wäre, nach einem Kurseinbruch verkaufen zu müssen und die Kursverluste zu realisieren, statt ein Rebalancing durchzuführen und von der Kurserholung zu profitieren.

 

Und nicht zuletzt stellt sich auch die Frage, wie viel Risiko Sie eingehen wollen. Nur weil Sie wirtschaftlich dazu in der Lage sind, grössere Risiken einzugehen, heisst das nicht, dass Sie dies auch sollten. Die Psyche spielt da gerade in Panikphasen so manchem einen Streich. Schlaflose Nächte sollte Ihnen Ihre Anlagestrategie nicht bereiten.

Warum ist der Anlagezeitraum so wichtig?

Wer langfristig anlegt, kann kurzfristig auch höhere Kursschwankungen verkraften. Nehmen wir zum Beispiel nochmals die Säule 3a: Die meisten Schweizerinnen und Schweizer bezahlen jedes Jahr in ihre 3. Säule ein und dies über einige Jahrzehnte hinweg. Dieses Geld eignet sich besonders für eine Wertpapieranlage: Schliesslich werden Sie auf dieses Geld in der Regel erst nach 20 oder gar 30 Jahren zugreifen. In dieser Zeitspanne können Sie mit der richtigen Anlagestrategie eine schöne Rendite erwirtschaften.

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Ob Scheidung oder Hochzeit – Lebensereignisse beeinflussen auch die Anlagestrategie

Langfristig zu planen ist ja schön und gut, aber manchmal verändern sich die Verhältnisse. Wann soll die Anlagestrategie angepasst werden?

Immer dann, wenn sich Ihre finanzielle Situation oder Ihre Lebensziele verändern. Zum Beispiel, wenn Sie einen Hauskauf planen, Ihre Familie Zuwachs erhält, Sie viel Geld geerbt haben oder auch wenn Sie sich frühpensionieren lassen möchten. Dann lohnt es sich, das Gespräch mit dem Berater oder der Beraterin zu suchen und Ihre Anlagestrategie oder auch generell Ihre finanzielle Planung anzuschauen und gegebenenfalls anzupassen. Wir können Sie ganzheitlich beraten – vom Financial Planning bis zur Vorsorge- oder zur Erbschaftsberatung.

Was raten Sie Menschen, die zum ersten Mal Geld anlegen möchten?

Die meisten Leute wissen, dass sie ihr Geld anlegen sollten. Aber sie haben Angst davor, dass es schiefgehen könnte. Manche sind auch einfach überzeugt, zu wenig Know-how zu haben. Aber das lässt sich ändern, indem man sich zumindest über die Basics informiert, zum Beispiel in unseren Kompaktseminaren. Und ganz wichtig, indem man Erfahrung sammelt.

 

Mein Tipp wäre, den Betrag, den Sie anlegen möchten, in mehrere Tranchen aufzuteilen und diese kleineren Summen regelmässig anzulegen – zum Beispiel immer an Ihrem Geburtstag, an Weihnachten, oder einfach quartalsweise oder gar jeden Monat mit überschaubaren Beträgen.

 

So merken Sie schnell, wie Sie mit Kursschwankungen auf den Kapitalmärkten umgehen und ob Sie an Ihrer Strategie auch festhalten können. Und: Mit regelmässigen Anlagen müssen Sie nicht ständig den Markt beobachten, sondern können einsteigen, ohne den "falschen" Zeitpunkt zu wählen. Das Geld gar nicht anzulegen, ist heute schliesslich ein eigenes Risiko: Die Inflation, gepaart mit Nullzinsen auf dem Sparkonto, bedeutet nichts anderes, als dass man investieren muss, wenn das eigene Vermögen nicht an Wert verlieren soll.

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Karel E. Ehmann, Leiter Investment Center

Karel E. Ehmann leitet seit 2010 das heute neunköpfige Investment Center der TKB. Er und seine Mitarbeitenden verwalten ca. 4 Milliarden CHF in der Vermögensverwaltung und unterstützen die Beraterinnen und Berater der TKB bei allen Fragen rund ums Anlegen. In seiner Freizeit ist Karel E. Ehmann vorwiegend in den Bergen unterwegs, praktiziert Yoga und diskutiert mit seinen erwachsenen Töchtern je länger, je mehr über die Klimadebatte.