Gesichtserkennung im iPhone dank Technologie von Pureon aus Lengwil, Produkte für Regeneration und Schlaf wie Faszienrollen und Nackenkissen von Blackroll aus Bottighofen: Thurgauer Innovationen begegnen uns im Alltag häufiger, als wir dies vermuten würden.
Bezieht man sich auf die klassischen Innovationsrankings, ist der Thurgau kein Hotspot. Im Innovations- und Kreativitätsindex der Hochschule Luzern beispielsweise rangiert der Kanton lediglich auf Platz 23. Stärken zeigen sich in den Bereichen Bildung und Wirtschaftswachstum. Potenzial gibt es unter anderem im Bereich Forschung, Entwicklung und Wissen sowie bei den Unternehmensgründungen. Das zeigt sich deutlich bei den patentierten Erfindungen: Der Thurgau verzeichnet im Schnitt rund 14 internationale Patentanmeldungen pro 100’000 Einwohner und Jahr, schweizweit sind es 35.
Thurgau mit unterdurchschnittlichen und rückläufigen Patentanmeldungen
Internationale Patentanmeldungen pro 100’000 Einwohner und Jahr
Quellen: BFS, eigene Berechnungen IHK-Research; 2022: provisorische Zahlen
Die Messlatte liegt hoch, man vergleicht sich mit der absoluten Weltspitze. Die Schweiz gilt als Innovationsweltmeisterin. Im Global Innovation Index 2025 steht sie das 15. Jahr in Folge an der Spitze. Der regionale Vergleich innerhalb der Schweiz zeigt aber, dass Ideen, Talente und Kapital ungleich konzentriert sind. Der Thurgau hat in dieser Hinsicht strukturelle Nachteile: keine grosse Universität, keine Metropole, keine dichte Start-up-Szene.
Woher die Impulse kommen
In der Ostschweiz flossen über vier Fünftel der privatwirtschaftlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung in den Technologiesektor und in industrienahe Wirtschaftszweige. Die Aufwendungen lagen mit 1300 Franken pro Kopf klar unter dem Schweizer Wert von 2000 Franken. Gleichzeitig ist der Thurgau stark diversifiziert, Wissen und Talente verteilen sich über die Branchen. Der industrielle Kern der Region stützt die Innovationskraft, das Innovationspotenzial ist aber vielfältig.
Aufwendungen für Forschung und Entwicklung: Tech-Industrie dominiert
in der Ostschweiz
Struktur der betriebsinternen F+E-Aufwendungen der Privatwirtschaft, nach Grossregionen, 2023, Anteile nach Wirtschaftszweigen des Unternehmens
Quellen: BFS, eigene Berechnungen IHK-Research
Zu wichtigen Innovationsimpulsen trägt die internationale Ausrichtung der Thurgauer Wirtschaft bei. Wer aus dem Thurgau internationale Märkte bedient, kann im internationalen Wettbewerb nicht über den tiefsten Preis bestehen. Um sich am Weltmarkt bewähren zu können, wird Innovation zur Voraussetzung. Das zeigt sich eindrücklich an den beiden Beispielen Pureon und Blackroll.
Innovation beginnt beim Problem
Die Pureon AG entwickelt und produziert Poliermittel für Hightech-Materialien – überall dort, wo Oberflächen besonders fein, präzise und defektfrei sein müssen. Die Anwendungen reichen von der Halbleiterindustrie über künstliche Hüftgelenke bis zu den Spiegeln des James-Webb-Teleskops.
Für Daniel Spring, Verwaltungsrat und Mitinhaber der Pureon AG, ist ein neues Produkt nicht automatisch innovativ. Entscheidend sei, ob es beim Kunden einen messbaren Vorteil schaffe. «Der Kunde will eine bestimmte Qualität mit möglichst hoher Effizienz und Zuverlässigkeit erreichen. Wenn unsere Lösung diese Anforderungen erfüllt, setzt sie sich durch.»
Pureons Innovationskraft zeigt sich deshalb weniger in einem einzelnen Produkt als in der Fähigkeit, sich laufend weiterzuentwickeln. Aus einem Hersteller von Diamantpulver wurde ein Spezialist für anspruchsvolle Polierprozesse. Pureon liefert heute nicht nur Materialien, sondern hilft Kunden auch, feinste Oberflächen effizient und zuverlässig herzustellen. «Wenn wir heute immer noch nur ein reiner Hersteller von Diamantpulver wären, gäbe es die Firma wahrscheinlich nicht mehr», sagt Spring.
«Die meisten unserer Innovationen sind nicht durch Patente geschützt, sondern durch Know-how.»
Der Wandel war eine Antwort auf internationalen Wettbewerb und Kostendruck. Der Vorsprung der Firma liegt für Spring in über Jahre aufgebautem Wissen. «Die meisten unserer Innovationen sind nicht durch Patente geschützt, sondern durch Know-how – durch die Erfahrung, wie man es macht.» Entscheidend dafür sei die Innovationskultur, trotz Erfolgs stets zu hinterfragen: «Geht es noch besser?»
Wissen in nützliche Anwendungen übersetzen
Das stetige Streben nach dem Besseren zeigt sich auch bei Blackroll, wobei sich Innovation hier nicht in einer Produktrevolution äussert, sondern in der konsequenten Kundenorientierung. Rollen für therapeutische Zwecke gab es schon länger. «Wir würden nie sagen, dass wir die Rolle erfunden haben», erklärt Marius Keckeisen, Mitgründer der Blackroll AG. Entscheidend war, therapeutisches und wissenschaftliches Wissen so umzusetzen, dass es im Alltag für eine möglichst breite Masse praktischen Nutzen stiftet. «Wissen zu skalieren mit einem einfachen Produkt – das war die eigentliche Innovation.»
«Produkte bauen viele Unternehmen. Wir versuchen vor allem Beziehungen aufzubauen.»
Im Kern sei Blackroll von Anfang an mehr gewesen als eine Produktreihe: «Für uns war es Produkt plus Bildung plus Community.» Das Unternehmen arbeitet eng mit Therapeuten, Trainerinnen, Ärzten, Wissenschaftlern und Anwenderinnen zusammen. Aus diesem Austausch und den Rückmeldungen entstehen neue Ideen und ein Gespür dafür, welche Probleme im Alltag wirklich relevant sind. «Produkte bauen viele Unternehmen. Wir versuchen vor allem Beziehungen aufzubauen», sagt Keckeisen.
Die tiefen Patentzahlen im Thurgau sieht Keckeisen nüchtern: «Ein Patent ist nur so viel wert, wie man bereit ist, in seine Verteidigung zu investieren.» Für den Erfolg zähle am Ende, ob aus einer Idee ein Produkt entstehe, das echten Mehrwert bringe.
Was braucht es Ihrer Meinung nach am meisten, damit im Thurgau mehr neue Ideen entstehen?
Die Stärke der Nische
Blackroll und Pureon haben eines gemeinsam: Innovation beginnt für sie mit einem genau verstandenen Problem, das sie in nützliche Lösungen übersetzen. Dabei stützen sie sich auf einen bewährten Ansatz: Gerade in Nischen können Unternehmen spezialisiertes Wissen und Netzwerke aufbauen. Das Wissen ist schwer zu kopieren und nicht immer sinnvoll patentierbar. Die Netzwerke wurden über Jahre aufgebaut und sind an Menschen geknüpft. Beides ist für die klassische Innovationsstatistik grösstenteils unsichtbar. Für die Unternehmen sind sie aber die Basis der Innovationskraft und damit entscheidender Wettbewerbsvorteil.
Nähe und Mensch als Standortfaktoren
Damit aus diesem Wissen und diesen Netzwerken Innovation wird, braucht es Menschen. «Gut ausgebildete Leute sind das Rückgrat unserer Firma. Sie bringen Innovation und Entwicklung. Ohne das geht es nicht», sagt Spring. Sowohl Spring als auch Keckeisen betonen, dass gewisse Fachkräfteprofile in den grossen Zentren leichter zu finden seien. Zürich, München oder Amsterdam ziehen Talente an, weil dort grössere Unternehmenscluster bestehen. Gleichzeitig schätzen Mitarbeitende im Thurgau Lebensqualität, Infrastruktur und die Nähe zum Bodensee. Keckeisen sieht gerade in der Kombination aus Internationalität und Überschaubarkeit einen Vorteil: «Wir sitzen nicht in einer Metropole, sind aber mitten im DACH-Raum. Gleichzeitig sind die Wege kurz – zu Partnern, Behörden, Netzwerken und Menschen. Für ein wachsendes Unternehmen kann das ein echter Wettbewerbsvorteil sein.» Innovation im Thurgau ist oft weniger sichtbar als in den Zentren. Aber sie ist da – stark, spezialisiert und wohl auch eine Spur persönlicher.
Der eigene Innovationspfad
Der Thurgau führt keine Innovationsrankings an. Der Blick in die Unternehmen zeigt aber, wo die Stärken liegen. Die regionale Innovationskraft entsteht dort, wo Unternehmen nahe an Kunden arbeiten, Spezialwissen über Jahre aufbauen und aus konkreten Problemen marktfähige Lösungen entwickeln. Angebote wie das Startnetzwerk Thurgau oder das Thurgauer Technologieforum setzen genau hier an, indem sie Unternehmen, Gründerinnen, Fachleute und Forschungspartner besser verbinden. Die TKB als Bank der Thurgauer Wirtschaft unterstützt beide Initiativen als Partnerin und Sponsorin.
Dieser Artikel wurde durch die IHK St.Gallen-Appenzell in Zusammenarbeit mit der Thurgauer Kantonalbank erstellt. Die Onlinepublikation wird auf der TKB-Webseite veröffentlicht und kann als Newsletter abonniert werden: Newsletter Wirtschaft Thurgau