Remo Lobsiger, wenn Sie mit Unternehmerinnen und Unternehmern sprechen: Welche Stimmung begegnet Ihnen zurzeit?
Die Stimmung ist erstaunlich zuversichtlich. Insbesondere die Binnenwirtschaft verzeichnet ein starkes Jahr. Aber die aus dem Auslandsgeschäft stammenden Unsicherheiten schwingen überall mit. Falls der Export länger weiter schwächelt, dürfte das auch in der Binnenwirtschaft Spuren hinterlassen. Die beiden Zweige sind vernetzt – das ist in vielen Gesprächen spürbar.
Die letzten Jahre waren von Krisen geprägt. Wie finden Unternehmen in diesem Dauerstress noch Orientierung?
Die Kunst ist, sich nicht von jeder Schlagzeile verrückt machen zu lassen. Die Unternehmerinnen und Unternehmer abstrahieren die relevanten Informationen bewusst vom täglichen Lärm. Wichtig ist zu verstehen: Die echten Konsequenzen wirken oft viel später, als es das erste Gefühl suggeriert. Zölle, geopolitische Unsicherheiten oder ein schwacher Abnehmermarkt schlagen meist nicht über Nacht durch. Laufende Verträge dämpfen gewissermassen – aber langfristig kann es trotzdem schmerzhaft werden.
Wie äussert sich das?
Schockartige Einbrüche nehmen zu. Damit meine ich nicht die grossen volkswirtschaftlichen Krisen wie Corona, die Energiekrise oder Lieferkettenfriktionen, sondern abrupte Ereignisse für einzelne Unternehmen. Das kann beispielsweise sein, dass Abnehmer von einem Tag auf den anderen Aufträge stornieren. Dann sind KMU nicht bloss etwas weniger ausgelastet, sondern es geht rasch um die Existenz. Einschneidende Ereignisse gehen in der öffentlichen Diskussion oft unter – für einzelne Betriebe sind sie aber entscheidend und kaum zu antizipieren.
Viele Unternehmen blicken laut der Firmenkundenumfrage dennoch zuversichtlich auf 2026. Woher kommt dieser Optimismus?
Unternehmerinnen und Unternehmer müssen Optimisten sein. Und viele Thurgauer Firmen haben in den letzten Jahren gezeigt, dass sie anpassungsfähig und widerstandsfähig sind. Aber man darf sich nicht blenden lassen: 2026 wird anspruchsvoll bleiben – wegen der verzögerten Effekte der Zölle, der Schwäche in Deutschland und einer zu erwartenden Zurückhaltung beim Konsum. Einen klaren Wachstumsschub sehe ich deshalb nicht. Viele Unternehmen haben in sehr guten Jahren aber Substanz aufgebaut. Das erhöht die Risikofähigkeit, vor allem bei inhabergeführten Betrieben, die auch einmal eine Durststrecke überstehen können.
Die jüngste Firmenkundenumfrage der TKB zeigt: Ein Viertel der Thurgauer Unternehmen reduziert oder verschiebt wegen handelspolitischer Unsicherheiten Investitionen. Ist das ein Alarmzeichen?
Nein. In anspruchsvollen, unsicheren Zeiten ist das normal. Aber mittelfristig gilt: Wer nicht investiert, glaubt nicht mehr an die Zukunft und wird sich irgendwann selbst vom Markt verabschieden. Als Bank sehen wir vor allem jene Unternehmen, die investieren wollen. Und diese tun das nicht nur aus Hoffnung, sondern weil sie Aufträge oder klare Strategien haben. Schweizer Unternehmen sind im Export meist nur mit Topprodukten konkurrenzfähig. Dafür braucht es Innovation sowie Effizienz – und dies erfordert Investitionen.
Die Thurgauer Kantonalbank führt jährlich eine Firmenkundenumfrage durch. Abonnieren Sie den Newsletter «Wirtschaft Thurgau» und Sie erhalten mehrmals jährlich Informationen zur Thurgauer Wirtschaft, Konjunktur und zur TKB-Firmenkundenumfrage.