Inflation unter neuen Vorzeichen

Oktober 2026 | Der Irankrieg verteuert Energie und Transporte. Gleichzeitig federt der Franken die importierte Teuerung weniger stark ab. Trotzdem spricht wenig für eine Wiederholung des Inflationsschubs von 2022. Warum die Lage heute anders ist – und wie das Grosshandelsunternehmen Janico Holding aus Frauenfeld damit umgeht.

«Wir stehen vor der grössten Bedrohung für die Energiesicherheit in der Geschichte.» Mit diesen Worten warnte Fatih Birol, Direktor der Internationalen Energieagentur, im April vor den Folgen des Kriegs im Nahen Osten (CNBC). Die pessimistischsten Szenarien sind zwar nicht eingetreten. Der Konflikt hat die Energiemärkte aber durchgeschüttelt: Angriffe auf Infrastrukturen und eingeschränkte Transporte durch die Meerengen von Hormus sowie Bab al-Mandab verknappen das weltweite Angebot und treiben die Preise von erdölbasierten Produkten in die Höhe. Rohstoffe wie Aluminium oder Harnstoff reagierten zeitweise mit Preisausschlägen. Höhere Treibstoff- und Versicherungskosten verteuern wiederum Transporte. Ein Teil dieser Kosten erreicht mit Verzögerung die Endpreise.

Kostendruck erreicht den Thurgau

Das zeigt sich zunehmend auch im Thurgau, etwa bei der Janico-Gruppe aus Frauenfeld. Zum Grosshandelsunternehmen gehören unter anderem die Unternehmen Plica AG, bekannt für Komponenten und Systeme in der Elektrotechnik, sowie Tegum AG mit Produkten für Bau und Gewerbe. Pablo Moirón, CEO und Inhaber, beobachtet höhere Preise «durchs Band»: bei Kunststoffen und Metallen ebenso wie bei Transporten. Seit dem Irankrieg habe sich der Kostendruck klar akzentuiert. Im Grosshandel, wo sich Preis- und Angebotsschocks jeweils besonders rasch materialisieren, ist Moirón damit nicht allein: Aktuell erwarten zwei Drittel der Ostschweizer Grosshandelsunternehmen steigende Einkaufspreise.

Grafik: Inflation bleibt im Zielbereich
Entwicklung der Konsumentenpreise in der Schweiz gegenüber dem Vorjahresmonat
gepunktete Linie: SNB-Prognose vom September 2026

Quelle: Bundesamt für Statistik, Schweizerische Nationalbank

Teuerung stark erdölgetrieben

Die steigenden Einkaufspreise lassen sich nicht vollständig absorbieren. Janico gibt notwendige Erhöhungen weiter, versteht dies laut Moirón aber nicht als Gelegenheit zur Margenausweitung. Sinken die Preise wieder, werde dies ebenfalls weitergegeben. Entscheidend sei ein enger Austausch mit den Kunden. «Transparenz schafft Akzeptanz», zeigt sich Moirón überzeugt.

«Entscheidend ist ein enger Austausch mit unseren Kunden. Transparenz schafft Akzeptanz.»
Pablo Moirón
CEO und Inhaber der Janico-Gruppe

Die höheren Kosten erreichen zunehmend die Konsumentenpreise. Im Euroraum stieg die Jahresteuerung im September auf 3,8 Prozent, Energie verteuerte sich gar um 18,8 Prozent. In der Schweiz blieb der Ausschlag bislang deutlich kleiner: Die Jahresinflation lag bei 1,0 Prozent, die Kerninflation – ohne Energie und Treibstoffe sowie frische und saisonale Produkte – gar nur bei 0,5 Prozent. Der allgemeine Preisauftrieb bleibt damit bislang überschaubar, konzentriert sich auf Erdölprodukte und liegt im Bereich der Preisstabilität (vgl. Grafik).

Inflation wie 2022?

Trotzdem drängt sich unweigerlich die Frage auf: Droht eine Wiederholung von 2022, als die Teuerung stark anstieg? Vieles spricht dagegen. Damals traf der Energieschock infolge des russischen Angriffskriegs auf eine aussergewöhnliche Gemengelage.

Angebotsseitig waren die Lieferketten noch von der Pandemie gezeichnet, viele Produkte nur eingeschränkt verfügbar und Lieferfristen länger. Gleichzeitig löste sich ein Nachfragestau: Haushalte konsumierten wieder mehr, Unternehmen investierten – zusätzlich befeuert durch die verzögerte Wirkung der Covid-Konjunkturprogramme. Zudem war der Arbeitsmarkt angespannt, sodass Unternehmen mit höheren Löhnen um Arbeitskräfte buhlten, was den Preisauftrieb weiter verstärkte. Die Energieversorgung war überdies bereits unter Druck, als sich Europa schlagartig aus seiner hohen Abhängigkeit von russischem Erdgas loslösen musste. Im Rückblick zeigt sich zudem, dass die Nationalbanken die Situation unterschätzten und zu spät mit Leitzinserhöhungen reagierten.

Grafik: Lieferketten rücken teils wieder stärker in den Fokus
Anteile der Ostschweizer Unternehmen, die vom entsprechenden Hemmnis berichten

Quellen: Konjunkturboard Ostschweiz, KOF Institut ETH Zürich

Diesmal kein Nachfrageboom

Heute präsentiert sich die Situation in mehrerlei Hinsicht anders. Lieferprobleme nehmen zwar wieder leicht zu, sind aber nicht mit den flächendeckenden Engpässen von 2022 vergleichbar (vgl. Grafik). Die Nachfrage wächst deutlich verhaltener. Die Produktionskapazitäten in der Industrie sind unterdurchschnittlich ausgelastet, der Arbeitsmarkt weniger angespannt. Die Zentralbanken sind zudem wachsam und bedacht, nicht nochmals dieselben Fehler zu begehen. Beim Öl helfen zudem Umgehungsrouten, zusätzliche Förderung ausserhalb der Golfregion und strategische Reserven: Die IEA-Mitgliedstaaten haben seit Kriegsbeginn mehr als 300 Millionen Barrel aus Notfallreserven freigegeben, China ebenfalls in grossem, wenn auch unbekanntem Ausmass. Das ersetzt die ausgefallenen Mengen nicht, dämpft aber den Preisschock.

Bei welchem der folgenden Faktoren hat die Belastung für Ihr Unternehmen gegenüber dem Preis- und Lieferkettenschock von 2022 am stärksten zugenommen?

Energie- und Treibstoffkosten
Transport- und Logistikkosten
Einkaufspreise für Waren und Vorleistungen
Lieferzeiten und Verfügbarkeit von Waren und Vorleistungen
Belastungen durch Wechselkursentwicklungen
Bei keinem – 2022 waren diese Belastungen gleich stark oder stärker

Der Franken federt weniger ab

Die Schweizerische Nationalbank sieht derweil keine Notwendigkeit für eine geldpolitische Straffung. Ausgehend vom derzeitigen Nullzinsumfeld prognostiziert sie für die kommenden beiden Jahre jeweils eine Inflationsrate von 0,8%.

Ein Grund für die vergleichsweise tiefe Schweizer Inflation war in den vergangenen Jahren der starke Franken. Er verbilligte Importe und fing damit einen erheblichen Teil der Teuerung aus dem Ausland ab. Dieser Puffer ist derzeit kleiner. Der Franken hat sich abgeschwächt. Ein wesentlicher Grund dafür ist die steigende Zinsdifferenz zum Ausland, welche Anlagen in ausländischer Währung relativ betrachtet attraktiver macht und die Nachfrage nach dem Schweizer Franken dämpft. Teuerungsimpulse aus dem Ausland aufgrund des Irankriegs und der Energieknappheit werden also direkter spürbar.

Grafik: Franken dämpft importierte Inflation, hat 2026 aber nachgegeben
Handelsgewichteter Wechselkurs des CHF (Wert des CHF gegenüber sämtlichen Währungen der Schweizer Handelspartner, gewichtet nach ihrer Bedeutung für den Schweizer Aussenhandel), Monatsbasis, Januar 2012 = 100

Quelle: Schweizerische Nationalbank

Exemplarisch zeigt sich dies auch bei der Janico-Gruppe. Die Währungsexposition ist hoch: Das Thurgauer Unternehmen beschafft rund drei Viertel seiner Produkte aus Kontinentaleuropa, etwa ein Fünftel aus Fernost. Ein schwächerer Franken verteuert den Einkauf. Gleichzeitig betont Moirón die enge Verflechtung mit der Schweizer Exportindustrie, die von einem schwächeren Franken tendenziell profitiert. Ideal seien deshalb stabile Wechselkurse.

«Problematisch wird es bei schockartigen Veränderungen.»
Pablo Moirón
CEO und Inhaber der Janico-Gruppe

«Besser und zuverlässiger»

Auch Pablo Moirón hält fest, dass die Situation trotz steigender Preise und leicht längerer Lieferfristen nicht mit jener im Jahr 2022 zu vergleichen sei: «Kein Déjà-vu, nicht alarmierend.» Dennoch hat Janico den Bestellvorlauf erhöht und plant in den Lagerbeständen zusätzlich Sicherheitsmargen ein. Das Ziel: Kunden sollen möglichst wenig Ware selbst lagern müssen. «Heute bestellt, morgen geliefert», fasst Moirón den Anspruch zusammen.

Zugleich beobachtet Pablo Moirón die Entwicklungen im Nahen Osten und deren Konsequenzen für Preise und Warenverfügbarkeit genau. Die Unsicherheiten und Risiken bleiben zweifelsohne erhöht. Ganz Unternehmer folgert Moirón daraus: «Man muss es einfach besser und zuverlässiger machen als die Mitbewerber – wie auch immer sich die Situation entwickelt.»

Dieser Artikel wurde durch die IHK St.Gallen-Appenzell in Zusammenarbeit mit der Thurgauer Kantonalbank erstellt. Die Onlinepublikation wird auf der TKB-Webseite veröffentlicht und kann als Newsletter abonniert werden: Newsletter Wirtschaft Thurgau

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