Januar 2026 | Die Zeiten sind unsicher. Investitionen werden in diesem Umfeld vorsichtiger getätigt. Doch kann von einer allgemeinen Investitionsschwäche gesprochen werden? Die jüngste TKB-Firmenkundenumfrage zeichnet ein differenziertes Bild für den Thurgau.
Eine Krise folgt auf die nächste: von der Covid-Pandemie über Lieferkettenfriktionen, den Ukraine-Krieg und die Energiekrise bis hin zu den zollpolitischen Wirren im vergangenen Jahr. Unternehmerinnen und Unternehmer sind gefordert. Unsicherheit und Komplexität sind die neue Normalität. Stabilität und Berechenbarkeit sind allzu oft eher Wunsch denn Realität. Im vergangenen Jahr erreichte die Unsicherheit ein bislang nicht gesehenes Ausmass – zumindest gemessen an der Medienberichterstattung.
Präzedenzlose Unsicherheit im Jahr 2025
Unsicherheitsindizes basierend auf medialer Aufmerksamkeit
Quelle: World Uncertainty Index
Diese Unsicherheit belastet die Geschäftslage auch in der Thurgauer Wirtschaft und insbesondere in der Exportindustrie. Denn in Phasen erhöhter Unsicherheit wird weniger investiert. Insbesondere die Thurgauer Industrie ist vergleichsweise stark auf Investitionsgüter wie Maschinen, Komponenten für Produktionsanlagen oder Fahrzeuge ausgerichtet. Umgekehrt stellt sich die Frage, wie sich das Investitionsverhalten der Thurgauer Unternehmen selbst entwickelt. Einblicke dazu liefert die aktuelle Firmenkundenumfrage der TKB.
Aktuelles Umfeld hemmt Investitionen
Jedes vierte Thurgauer Unternehmen reduziert oder verschiebt demnach Investitionen aufgrund des aktuellen wirtschaftlichen Umfelds. Gleichzeitig investiert über die Hälfte der Betriebe unverändert und jedes zehnte Unternehmen erhöht seine Investitionen sogar. Unbeirrt vom aktuellen Umfeld zeigen sich weite Teile der Binnenwirtschaft. Einzelne Branchen verhalten sich jedoch wesentlich zurückhaltender – allen voran die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie), in der mehr als die Hälfte der Unternehmen Investitionen reduziert oder aufschiebt.
Anpassungen der Investitionstätigkeit an das aktuelle wirtschaftliche Umfeld
Anteile der Antworten
In der Schweiz entwickeln sich die Investitionen gemessen an der Wirtschaftsleistung langfristig stabil auf vergleichsweise hohem Niveau. Zwar sind sie seit 2020 leicht rückläufig, doch es ist keine klare Investitionsschwäche erkennbar. Allerdings deuten strukturelle Veränderungen auf mögliche Risiken hin: Der Kapitalstock verlagert sich zunehmend von Ausrüstungsgütern zu Bauten, und der Anteil der innovierenden Unternehmen hat sich seit den Neunzigerjahren nahezu halbiert.¹
Bruttoanlageinvestitionen ausgewählter Länder
in % des BIP
Quelle: Weltbank
Langfristige Entwicklungen dominieren
Nebst der wirtschaftlichen Lage sind es vorrangig längerfristige Entwicklungen, die Investitionsentscheide der Unternehmen am Standort Thurgau hemmen. Vor allem die regulatorischen Anforderungen und bürokratischen Hürden wirken sich negativ aus, gefolgt von der Inflation und der demografischen Alterung beziehungsweise dem Fach- und Arbeitskräftemangel. Als investitionsfördernd beurteilen die Umfragemitwirkenden insbesondere die Digitalisierung und die künstliche Intelligenz sowie sich verändernde Kundenbedürfnisse.
Top-5 der Faktoren, die Investitionen hemmen oder begünstigen
Frage: Wie wirken sich die folgenden Faktoren derzeit auf Ihre Investitionsentscheidungen am Standort Thurgau aus? (Anteil der Nennungen in %)
Hemmen Investitionen (Top-5)
Fördert Investitionen (Top-5)
Operative Überlegungen im Vordergrund
Die meisten Investitionsausweitungen entfallen auf die Bereiche IT, Digitalisierung und KI. Weiter stehen Zusatzinvestitionen in Personal sowie in Gebäude und Immobilien im Fokus. In sämtlichen abgefragten Bereichen übersteigen die Mehrinvestitionen anzahlmässig die Minderinvestitionen. Dies verdeutlicht, dass Investitionen derzeit weniger pauschal reduziert werden, sondern vermehrt gezielt und bereichsspezifisch erfolgen: Auch Unternehmen mit insgesamt zurückhaltender Investitionstätigkeit bauen in einzelnen Bereichen weiterhin aus.
Im Zentrum stehen dabei operative Überlegungen wie Effizienzsteigerung, Kostenoptimierungen oder Ersatzinvestitionen: Für 85 Prozent der befragten Betriebe sind diese wichtig bis sehr wichtig für die eigenen Investitionsentscheide. Für drei von vier Unternehmen spielen auch strategische Aspekte wie Markterschliessungen, neue Produkte oder Geschäftsmodelle eine bedeutende Rolle. Finanzielle und äussere Rahmenbedingungen fallen hingegen weniger ins Gewicht.
Mehrinvestitionen überwiegen
Geplante Investitionsänderungen in den kommenden 3 Jahren nach Bereichen
Anteile der Antworten
Zusammenfassend lässt sich festhalten: Vom international herausfordernden Umfeld und den hohen Unsicherheiten sind vor allem Investitionsentscheide exportorientierter Unternehmen betroffen. Eine allgemeinwirtschaftliche Investitionsschwäche ist im Thurgau aber nicht festzustellen. Die Thurgauer Unternehmen planen in sämtlichen abgefragten Bereichen in den kommenden drei Jahren höhere Investitionen. Für ihre Investitionsentscheide richten die Unternehmen den Fokus stärker auf ihr Geschäftsmodell und operative Überlegungen, weniger auf die äusseren Rahmenbedingungen. Insgesamt überwiegen die Opportunitäten.
¹ Busch, Nussbaumer & Wegmüller (2017), KOF Institut ETH Zürich (2025)
Verwendete Daten
Die für den Text verwendeten Daten stammen, sofern nichts anderes erwähnt, aus der jährlichen Wirtschaftsumfrage der TKB bei Thurgauer Unternehmen. Sie reflektieren ein nicht repräsentatives Spiegelbild der wirtschaftlichen Entwicklung im Kanton Thurgau.
Der Artikel wurde durch die IHK St.Gallen-Appenzell in Zusammenarbeit mit der Thurgauer Kantonalbank erstellt. Die Onlinepublikation wird auf der TKB-Webseite veröffentlicht und kann als Newsletter abonniert werden: Newsletter Wirtschaft Thurgau